Zweihandschwerter
Statussymbol oder Kampfwaffe?
Zweihandschwerter sind riesige Schwerter mit einer Länge von ungefähr zwei Metern. Waren sie Statussymbole oder wurden sie tatsächlich im Kampf eingesetzt? Die Kuratoren des Nationalen Militärmuseums nehmen Sie mit auf die Forschungsreise.
Tatsächlich im Kampf eingesetzt?
Zweihandschwerter sind riesige Schwerter, die manchmal mehr als zwei Meter lang sind und bei vielen Menschen die Fantasie beflügeln. Sie werden mit Legenden über den friesischen „Freiheitskämpfer“ Grutte Pier (1480–1520) und den Wassergeuse Cabeliau in Verbindung gebracht, der Den Briel befreite (1572). Die Frage ist jedoch, ob diese imposanten Waffen tatsächlich als Kampfwaffen dienten oder ob sie zeremonielle Objekte und Statussymbole waren. Die Kuratoren des Nationalen Militärmuseums gehen dem auf den Grund!
War das Schwert von Grote Pier wirklich eine Waffe?
Bei großen Zweihandschwertern stellt sich immer die Frage: Handelte es sich um echte Kampfwaffen oder hatten sie vor allem eine zeremonielle oder symbolische Funktion? Neue Archivfunde deuten darauf hin, dass diese Schwerter durchaus militärisch genutzt wurden, doch bisher fehlte eine gründliche Untersuchung der Objekte. Das Forschungsteam des Nationalen Militärmuseums, die Kuratoren Jeroen Punt und Casper van Dijk sowie unabhängige Spezialisten wollen dies ändern.
Mittlerweile hat das Team bereits mehr als hundert Zweihandschwerter aus sechs verschiedenen niederländischen Sammlungen untersucht. Dies führte zu besonderen Funden, wie beispielsweise einer identischen Kopie des Schwertes von Grote Pier in der Sammlung des Königlichen Armeemuseums in Brüssel.
Schwert-Experte bei der Arbeit
Um zu untersuchen, welche Funktion Zweihandschwerter genau hatten, wenden die Kuratoren eine einzigartige Forschungsmethode an. Unter strenger Aufsicht und unter Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen kommen Originalwaffen zum Einsatz. Van Dijk und Punt werden dabei von Oskar ter Mors unterstützt, dem Gründer und Cheftrainer der Wapenkunst Academie Rijswijk. Er gehört zu der sehr kleinen internationalen Gruppe von Experten, die diese Schwerter nach Techniken aus Kampfhandbüchern des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts führen können.
Die Erfahrungsanalyse von Ter Mors bietet den Kuratoren einen einzigartigen Einblick in die Verwendung der Zweihandschwerter. Seine Ergebnisse werden wissenschaftlich anhand von geometrischen Messungen, dynamischen Eigenschaften (wie Schwerpunkt und Schlagpunkt), der Untersuchung von Gebrauchsspuren sowie Datierungsstudien der Zweihandschwerter überprüft. Die Ergebnisse sollen letztendlich eine Antwort auf die Frage liefern, ob die Waffen nun als Kampfwaffen dienten oder nicht.
„Nur durch die einzigartige Kombination verschiedener Untersuchungstechniken – Analyse von Form, Schwerpunkt, experimentelle Archäologie, RFA-Messungen und mehr – können wir tiefere Einblicke in die historische Verwendung der Schwerter gewinnen; Einblicke, die wir sonst nie gehabt hätten.“ Casper van Dijk, Kurator
Einzigartiger Fund im Museum Sloten
Zehn authentische Zweihandschwerter
Im Rahmen der Untersuchungen kam das Team mit dem Museum Sloten in Kontakt, in dem einige Zweihandschwerter ausgestellt sind. Das Museum teilte mit, dass sich auf dem Dachboden des Rathauses in der benachbarten Kleinstadt Balk noch weitere Schwerter befänden. Diese seien jedoch Nachbildungen oder „Fälschungen“. Nach einer ersten kurzen Untersuchung stellte sich zu aller Überraschung heraus, dass diese zehn Schwerter authentische Exemplare aus dem sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert waren: ein echter „Scheunenfund“! Neben der Sammlung von Zweihandschwertern im Nationalen Militärmuseum verfügt das Museum Sloten nun auf einen Schlag über die größte Sammlung von Zweihandschwertern in den Niederlanden! Ende letzten Jahres (2025) hat das Forschungsteam die Schwerter weiter untersucht, unter anderem in Zusammenarbeit mit Oskar ter Mors, der einige der Schwerter vor Ort in die Hand genommen hat.
Mit den zehn Schwertern aus Sloten verfügt das Forschungsteam über eine wertvolle neue Reihe von Vergleichspunkten. Diese Erkenntnisse werden nämlich genutzt, um in Zukunft die Schwerter von Grutte Pier, Cabeliau und Maximiliaan van Bossu zu untersuchen. Nur durch diese integrierte Methode können wir Schritt für Schritt herausfinden, wie diese imposanten Waffen wirklich eingesetzt wurden, jenseits der Legenden, zurück zur greifbaren historischen Realität.
Untersuchung mit Röntgenstrahlen
Am Montag, den 13. April 2026, fand im Depot des NMM eine besondere Untersuchung statt: RFA-Messungen an den Schwertern. Bei dieser Methode werden Röntgenstrahlen eingesetzt, um die Materialzusammensetzung zu messen. Ein RFA-Messgerät ist ein pistolenähnliches Gerät, das sozusagen einen „Barcode“ der Eisenzusammensetzung jedes einzelnen Schwertes erstellt. Die Untersuchung wurde von Allard de Bie (Masterstudent der Archäologie, Universität Leiden) und Bertil van Os (Materialspezialist, Rijksdienst Cultureel Erfgoed) durchgeführt.
Frühere Untersuchungen des Kurators Jeroen Punt zur Form und zu den Herstellermarken auf den Schwertern deuten auf zwei wichtige Produktionsstätten hin: eine in der Umgebung von Köln und eine in der Umgebung von Nürnberg. Es wird erwartet, dass Schwerter aus diesen beiden Regionen aufgrund von Unterschieden im Eisenerz oder in der Herstellungsmethode eine unterschiedliche Materialzusammensetzung aufweisen. Mit den RFA-Messungen wollen die Forscher diese Hypothese bestätigen oder widerlegen.
Die untersuchten Schwerter stammen aus dem Museum Oldenzaal, dem Westfriesischen Museum (Hoorn), dem Ostfriesischen Landesmuseum Emden (Deutschland) und dem Museum Sloten – wo kürzlich Schwerter auf dem Dachboden entdeckt wurden.
Allard de Bie schreibt seine Masterarbeit über den Einsatz von RFA-Messungen zur Bestimmung des Herstellungsortes von Schwertern. Er rechnet damit, die ersten Ergebnisse noch in diesem Sommer vorstellen zu können. Die Untersuchung wird fortgesetzt.
Vier Wege, ein Schwert zu untersuchen
Die Untersuchung kombiniert vier verschiedene Methoden, um der Wahrheit näher zu kommen:
- Archivforschung: Woher stammen diese Schwerter? Wann wurden sie verwendet und von wem? Vergleichbare Exemplare in den Rathäusern von Haarlem und Oldenzaal helfen dabei, das Puzzle zusammenzusetzen.
- Experimentelle Archäologie: Der Schwert-Experte Oskar ter Mors verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung mit historischen Waffen, wobei sein Spezialgebiet große Zweihandschwerter sind. Er hält die Schwerter in den Händen und führt Bewegungen aus, wie sie in Kampfhandbüchern aus dem sechzehnten Jahrhundert beschrieben sind. Seine Erfahrung liefert einen ersten Eindruck: Handelt es sich um einen militärischen Gebrauchsgegenstand oder nicht?
- Geometrische Analyse: Der berühmte Schwertschmied Peter Johnsson entwickelte eine Theorie über das Verhältnis von Gewicht, Länge und Balance mittelalterlicher Schwerter. Durch die Anwendung dieser Maßstäbe wird Oskars Intuition messbar und vergleichbar.
- Analyse der Gebrauchsspuren: Jeder Gebrauch hinterlässt Spuren. Kratzer, Kerben, Abnutzung: Sie erzählen eine Geschichte. Durch die Untersuchung der Gebrauchsspuren an den Langschwertern und den Vergleich mit einem Richtschwert aus dem sechzehnten Jahrhundert, dessen Verwendung genau bekannt ist, entsteht ein Bild davon, wozu diese Waffen tatsächlich gedient haben.
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